Jazz als Kirchenmusik


Der folgende Text entstand als Artikel für die Rubrik “Denkanstöße” der Zeitschrift Musica Sacra. Er wurde in der Ausgabe Juli/August 2011 veröffentlicht.


Jazz in der Kirche?  Ist das nicht ein längst abgelegtes Thema aus den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts? Als die Kirche noch Ausschau nach neuen Ufern hielt, der Jazz in voller Blüte stand und den meisten Diskutanten der Unterschied zwischen Jazz und Schlagermusik nicht so richtig klar war? Sicher: zur Zeit scheint es so zu sein, dass das Feld der katholischen Kirchenmusik zwischen der traditionellen Kirchenmusik, dem Neuen Geistlichen Lied und einigen wenigen Experimenten im Bereich der „Neuen Musik“ aufgeteilt ist. Für eine sowohl künstlerisch anspruchsvolle als auch zunächst einmal irritierende Musikform wie den Jazz scheint es da weder Raum noch Notwendigkeit zu geben. Hinzu kommt, dass der Jazz nicht mehr den Platz im öffentlichen Bewusstsein einnimmt, den er vor 40 oder 50 Jahren hatte und sich außerdem in den vergangenen 20 Jahren stilistisch noch einmal weiterentwickelt und differenziert hat, so dass man von „Jazz“ als geschlossenem Musikstil kaum noch sprechen kann. Dennoch meine ich, dass in den Grundelementen des Jazz Gestaltungsprinzipien wirksam sind, die der katholischen Kirchenmusik wichtige Anregungen für eine kulturelle und spirituelle Weiterentwicklung geben können.

Ein wesentliches Kennzeichen der katholischen Kirche war schon immer die Offenheit gegenüber unterschiedlichen kulturellen Traditionen, beginnend mit der Begegnung jüdischen und griechischen Denkens im Neuen Testament  bis hin zu den vielfältigen Ausprägungen, die die Weltkirche von heute in den unterschiedlichen Kulturen entwickelt hat. Hierin zeigt sich ein zentrales Wesenselement des christlichen Glaubens: die Kirche ist zu allen Völkern gesandt, sie soll von allen Kulturen das Beste in sich aufnehmen und durch die Gegenwart Christi heiligen und verwandeln. Schon das Pfingstereignis zeigt: das Christentum hat keine einheitliche Kultur; die Sprache des Christentums ist die Sprache aller Völker. Genau darin besteht eine wichtige inhaltliche Brücke zum Jazz. Auch der Jazz ist  eine Musik der kulturellen Offenheit. Entstanden aus der Begegnung europäischer und afrikanischer Musiktraditionen hat er im Laufe seiner Geschichte musikalische Dialoge mit allen wesentlichen Musikkulturen der Erde geführt. Gerade in den letzten 20 Jahren hat die stilistische Entwicklung im Jazz hier noch einmal deutliche Akzente gesetzt. Jazz in einer deutschen Kirche: das beinhaltet die Möglichkeit, sich nicht nur der Theologie, sondern auch den Musikkulturen der „jungen Kirchen“ in Afrika und Südamerika zu öffnen. Es ist eine klare Stellungnahme für die Lebendigkeit der katholischen Kirche, die eben nicht nur Hüterin des „christlichen Abendlandes“ ist, sondern auf einem neuen und aufregenden Weg ins 3. Jahrtausend ihrer Existenz tritt.

Als zweiten Punkt möchte ich die Verbindung mit der Spiritualität des Alten Testaments nennen. In der christlichen Tradition hat es oft einen Gegensatz zwischen Körper und Geist gegeben, in dem der Körper abgewertet und ein rein geistiges Christentum angestrebt wurde. Das hat auch die Kirchenmusik geprägt, in der das körperliche, rhythmische Element oft mit Misstrauen betrachtet wurde. Die Neuentdeckung des Alten Testaments durch die christliche Theologie sowie der jüdisch-christliche Dialog haben hier zu einer Neubewertung geführt: der Mensch ist eine Einheit von Körper und Geist und in dieser Ganzheit tritt er Gott gegenüber. Wenn im Alten Testament, vor allem in den Psalmen, von Musik die Rede ist, kommt das deutlich zum Ausdruck. Da ist von lautem Jubel die Rede, die Menschen werden aufgefordert in die Hände zu klatschen, die Posaunen erschallen, Zimbeln klingen und es wird voll in die Saiten der Harfe gegriffen. Es entsteht also viel eher das Bild einer Jazzband als das einer Choralschola. Die Eigenschaft des Jazz, über Improvisation und Rhythmus die körperliche und die geistige Ebene im Menschen zu verbinden, kann als direkte Anknüpfung an diese ganzheitliche Form der Frömmigkeit gesehen werden.

Schon diese beiden Punkte machen deutlich, dass es sich lohnt, den Jazz wieder in die Kirche zu holen; von dort, nämlich von den Spirituals, ist er zu einem Teil ja auch einmal hergekommen. Das Interesse vieler Jazzmusiker an religiösen Themen ist durchaus gegeben. Experimentierfreudige Kirchenmusiker werden also keine Schwierigkeit haben, musikalische Partner in der Jazz-Szene zu finden.

Matthias Petzold, Juni 2011


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