Engagierte Musik


Die Geschichte der europäischen Künste seit dem Mittelalter ist eine Geschichte des Kampfes um Autonomie. Im Mittelalter hatte der Künstler den Status eines Handwerkers, der im Dienst der Kirche Inhalte zu gestalten hatte, die von dieser vorgegeben wurden. Mit der Zeit befreiten sich die Künstler von der totalen Bevormundung und schufen eine größere Vielfalt an Ausdrucksformen, wie z.B. die Mehrstimmigkeit in der spätmittelalterlichen Kirchenmusik oder die Zentralperspektive in der Malerei der Renaissance. Immer noch aber waren sie abhängig von ihren kirchlichen oder höfischen Auftraggebern.

Die Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft im 19. Jahrhundert ging einher mit der Vorstellung von der Unabhängigkeit der Künste, vor allem der Musik. Im “Geniekult” wurde dem Künstler das Recht zugesprochen, autonome Kunstwerke zu schaffen, die ausschließlich Ausdruck seiner Persönlichkeit waren. In der Moderne wurde dieser Ansatz des “L´art pour l´art” (die Kunst genügt sich selbst) immer weiter radikalisiert. Die Künstler schufen sich ein Rollenbild völlig außerhalb der Gesellschaft, in dem Freiheit und Individualität die höchsten Werte waren.

Nach der Erringung der völligen künstlerischen Freiheit ist eine weitere Fortführung dieses Weges nicht mehr möglich und auch gar nicht sinnvoll. Es stellt sich im Gegenteil die Frage, wie Künstler mit ihrer errungenen Freiheit verantwortlich umgehen. Nach Jahrhunderten, in denen ein Kunstwerk hauptsächlich danach bewertet wurde, ob es “neu” ist und ob es den Gesetzen des “Materialfortschritts” (Adorno) genügt, ist es an der Zeit, andere Fragen zu stellen.

Es kann nicht mehr vorrangig gefragt werden: “Ist das neu?” Viel wichtiger ist es, ob Person und Werk des Künstlers übereinstimmen, ob das Kunstwerk Menschen in ihrem Leben anspricht und ob es inhaltlich und emotional überzeugend ist. Die Fragen müssten lauten: “Was macht das Kunstwerk mit den Menschen, die ihm begegnen? Ist es ihnen eine Hilfe bei der Lösung ihrer Lebensprobleme? Öffnet es Perspektiven für eine lebendigere Gestaltung der Wirklichkeit? Trägt der Künstler zur Kommunikation in der Gesellschaft bei oder isoliert er sich in einer selbstentworfenen Geheimsprache?”

Natürlich kann es nicht darum gehen, die einmal errungene Freiheit wieder aufzugeben und sich nur an den Erwartungen des Publikums zu orientieren. Kritik und Provokation bleiben ein wesentlicher Bestandteil gerade einer verantwortlichen Kunst. Trotzdem ist es aber wichtig, dass Künstler sich wieder als Teil der Gesellschaft begreifen, die sie durch ihre Arbeit mitgestalten.

Der oben skizzierte Paradigmenwechsel ist nicht voraussetzungslos, sondern bezieht sich auf lebendige Traditionslinien in der europäischen, vor allem aber in der afrikanischen Kunst. Im 20. Jahrhundert haben Künstler wie Joseph Beuys oder Bertolt Brecht ihre Arbeit als Form gesellschaftlichen Engagements verstanden. Diese Art künstlerischer Äußerungen macht sich natürlich, unabhängig von ihrer ästhetischen und kreativen Qualität, auch auf einer inhaltlichen Ebene angreifbar. Besonders deutlich wird das bei Brecht, bei dem ein Teil des Werkes durch das Scheitern des sozialistischen Experiments praktisch überholt ist.

Aus früheren Jahrhunderten ist vor allem J.S. Bach zu nennen, der sein kompositorisches Schaffen untrennbar mit dem Christentum verbunden hat. Auch die Glaubensverkündigung mittelalterlicher Künstker ist sicherlich nicht nur auf ihre abhängige Situation zurückzuführen, sondern ist auch Ausdruck eigener Überzeugung.

In den afrikanischen Gesellschaften gehört die Vermittlung von religiösen, ethischen und politischen Inhalten von Grund auf zu den Aufgaben eines Kunstwerkes. Die Qualität eines Musikstückes, einer Maske oder eines Gedichtes wird danach beurteilt, ob sie diesen Aufgaben gerecht wird. Das politische und religiöse Engagement von schwarzen Jazz- und Popmusikern wie Duke Ellington, Charles Mingus, Albert Ayler, Archie Shepp, Bob Marley, Stevie Wonder und vielen anderen hat darin eine ihrer Wurzeln.

Ich denke, dass ein Wechsel in der Betrachtung von Kunst in der gegenwärtigen Situation nötig ist und dass das Verhältnis von Gesellschaft und Künstler neu definiert werden muss. Es ist wichtig, das fruchtlose Kreisen der Kunstwelt um sich selbst zu beenden und eine lebendige Verbindung mit den Menschen außerhalb zu knüpfen, die beiden Seiten zu Gute kommt.

Matthias Petzold (April 2000)



Nachtrag 2014

Wie sehr das kommunikative Element das Kunstempfinden afrikanischer Menschen prägt, habe ich bei einer Reise nach Uganda noch einmal deutlich erfahren. Wir waren mit einem Guide auf einen Berg unterwegs, und während einer Pause hörte einer von uns mit dem Smartphone etwas Musik: experimentellen Minimal Elektro. Der Guide fragte, ob er mal mithören dürfe, und stand dann vollkommen ratlos vor dieser Musik. Die Frage, die er stellte, war: “What does that mean?”. Ihm war die Musik weder zu schräg, noch zu langweilig oder was es an musikimmanenten Kriterien sonst noch gibt. Es war ihm schlicht und einfach vollkommen unverständlich, wie man Musik ohne eine kommunikative Botschaft, ohne eine bestimmte Bedeutung machen kann.

Wir haben uns dann eine Weile über die unterschiedlichen Kunstvorstellungen in Afrika und Europa unterhalten. Der Guide war (wie ich das bei Afrikanern insgesamt meistens erlebt habe) vollkommen offen und angstfrei gegenüber unseren Vorstellungen. Trotzdem blieb er natürlich bei seiner Meinung, dass Musik ohne Bedeutung  merkwürdig und letztlich überflüssig sei.



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