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Kleines Lexikon der Humangenetik
Vorbemerkung: Die nachfolgenden Erklärungen von Fachbegriffen aus der Humangenetik habe ich selber verfasst. Da ich kein Wissenschaftler bin, sind kleinere Ungenauigkeiten nicht auszuschließen. Ich habe jedoch die Diskussion über dieses Thema seit geraumer Zeit verfolgt und auch diverse Fachartikel gelesen, so dass man meinen Erklärungen im allgemeinen Vertrauen schenken kann, zumal es nicht um sehr komplizierte Sachverhalte, sondern eher um Fachbegriffe geht, deren Bedeutung man mit guter Allgemeinbildung durchaus nachvollziehen kann.
Achtzellstadium - Stadium in der Entwicklung des Embryos, in dem dieser aus acht Zellen besteht, d.h. die befruchtete Eizelle hat sich dreimal geteilt. In diesem Stadium kann sich aus jeder der acht Zellen problemlos sowohl jede Art von menschlichen Zellen als auch ein neuer Embryo bilden. Im englischen Recht gilt ein Embryo im Achtzellstadium nicht als Mensch, deshalb darf er in England beforscht und vernichtet werden.
Behinderung - Persönliche Eigenschaft eines Menschen, die von dem, was in einer Gesellschaft als “normal” definiert wird, abweicht und die ihn daran hindert, vollständig am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Was als Behinderung bezeichnet wird, kann sehr unterschiedlich sein und hängt auch von den Werten einer Gesellschaft ab. Innerhalb der Gesamtheit menschlichen Lebens und menschlicher Möglichkeiten gehören Behinderte und Nichtbehinderte zusammen, da sie gemeinsam die “Menschheit” bilden.
Embryo - Menschliches Wesen im frühesten Stadium seiner Entwicklung, von der Befruchtung bis zu Geburt. Der Embryo konnte früher nur in der Gebärmutter entstehen und heranwachsen, heute kann er im Reagenzglas gezeugt und bis zu einem gewissen Wachstumsstadium dort gehalten werden und ist so wissenschaftlichen Experimenten zugänglich.
Embryonenschutzgesetz - Gesetz, dass den Umgang mit Embryonen regelt, die im Reagenzglas gezeugt worden sind. Das deutsche Embryonenschutzgesetz ist sehr streng, und verbietet verbrauchende Forschung sowie Tötung und Klonen von Embryonen. Es gibt aber einen starken Druck aus Wirtschaft und Forschung, das Gesetz zu lockern.
Enquete-Kommission des Bundestages - Ausschuss des Bundestages, in dem Abgeordnete aller Parteien sich grundsätzliche Gedanken über die weitere Entwicklung der Humangenetik und ihre gesetzliche Regelung machen. Viele Mitglieder dieser Kommission, die sehr unterschiedlichen politischen Lagern angehören, haben eine kritische Haltung zu den neuen Methoden. Aus diesem Grund hat Gerhard Schröder einen eigenen Expertenkreis zusammengestellt, den “Nationalen Ethikrat”.
Erbkrankheiten - Krankheiten, die durch die genetischen Eigenschaften eines Menschen bedingt sind. Das Spektrum der Erbkrankheiten reicht von schweren geistigen Behinderungen und lebensbedrohlichen Störungen bis hin zur angeborenen Neigung zu Krampfadern oder Kurzsichtigkeit. Durch die Fortschritte in der Humangenetik kann man immer mehr Erbkrankheiten durch Genuntersuchungen feststellen, allerdings nicht heilen.
Gen - Chemische Struktur im Kern jeder menschlichen Zelle, in der die Information über unsere angeborenen Eigenschaften enthalten sind. Die Gene eines Menschen stammen jeweils zur Hälfte von der Mutter und dem Vater. Das "Genom" ist die Gesamtheit der Gene eines Lebewesens
Heilung durch Gentechnik - Bis jetzt gibt es kein Verfahren zur Heilung von Krankheiten durch Gentechnik. Alle Hoffnungen der Wissenschaftler sind reine Spekulation, und brauchen in jedem Fall noch lange Zeit bis zur Anwendbarkeit. Es gibt Versuche in zwei verschiedene Richtungen: 1. Herstellung von Ersatzorganen. Dabei will man durch Klonen und gezieltes Wachstum von dafür hergestellten Embryonen Nervenzellen, Nieren, Lebern etc. wachsen lassen, um es kranken Menschen zu transplantieren. Wenn man (wie das Grundgesetz und das Christentum) Embryos als Menschen ansieht, ist dieses Verfahren der Ausschlachtung von Embryos ein Akt des Kannibalismus. 2. Veränderung der Gene in einem lebenden Menschen. Das ist außerordentlich schwierig, weil sich das gesamte Genom in jeder einzelnen Körperzelle befinden, und auch in jeder einzelnen Körperzelle verändert werden müssen. Man hat Versuche mit speziellen Viren gemacht, die die veränderten Gene sozusagen wie eine Krankheit in die Zellen einschleusen sollten. Das einzige Ergebnis war jedoch der Tod einer Versuchsperson (ein siebzehnjähriger Junge, der an einer nicht lebensbedrohlichen, behandelbaren Erbkrankheit litt)
Human-Genom Project - Weltweites wissenschaftliches Projekt, dass die chemische Struktur der gesamten menschlichen Geninformationen entschlüsselt hat. Der praktische Wert ist noch gering, da noch völlig unklar ist, was die einzelnen Abschnitte des Genoms bewirken, und wie sie überhaupt funktionieren. Brisant ist die Tatsache, dass an diesen Forschungen ein privates Wissenschaftsunternehmen mitarbeitet (bzw. konkurriert), das darauf abzielt, menschliche Gene zu patentieren, um damit Geld zu verdienen.
In-Vitro-Fertilisation - Kurz: IVF, Zeugung eines Embryos im Reagenzglas. Zuerst angewendet, um unfruchtbaren Paaren zu Kindern zu verhelfen, jetzt auch beim therapeutischen Klonen.
Klonen - Die Erzeugung eines Lebewesens aus dem kompletten Genom eines bereits lebenden, d.h. ohne geschlechtliche Fortpflanzung, bei der die Gene des neuen Lebewesens immer von zwei Elternteilen stammen. Der Klon ist also mit seinem Vorfahren genetisch identisch (so wie bei eineiigen Zwillingen). Da nach christlichem Verständnis der Mensch nicht nur durch seine Gene, sondern auch durch seine Lebensgeschichte definiert wird, ist auch ein geklonter Mensch (bzw. Embryo) ein eigenständiges Individuum mit eigener Menschenwürde.
Menschenwürde - Eigenschaft des Menschen, die ihn vor Tötung, Manipulation, Deformierung schützt, und die seine Freiheit sichern soll. In der gegenwärtigen Diskussion ist entscheidend, wem Menschenwürde zugebilligt wird. Während das Christentum und das Grundgesetz die Menschenwürde von der Befruchtung an für gegeben betrachten, knüpfen Befürworter der gentechnischen Methoden die Menschenwürde an bestimmte Bedingungen: nur wer Bewusstsein, Lebensinteresse hat, nur Embryos ab dem Achtzellstadium oder Kinder nach der Geburt ... Boshafterweise könnte man sagen: Definition des Menschen je nach Bedarf der Forschung.
Mitleid - Das Mitleid spielt in der Argumentation der Befürworter genetischer Selektion eine besondere Rolle. Angeblich gebietet es das Mitleid, erbkranke Embryonen zu töten, um sie vor einem leidvollen Leben zu bewahren. In Wirklichkeit ist diese Haltung das genaue Gegenteil von Mitleid: wer so argumentiert, möchte gerade nicht mit-leiden. Er möchte nicht an dem Leid des Behinderten teilnehmen und ihm beistehen. Der Behinderte soll aus einer so gestalteten Welt verschwinden, nach dem Motto: Mensch weg - Problem weg.
Nationaler Ethikrat - Gremium, dass Bundeskanzler Schröder berufen hat, um ihn in Fragen der Humangenetik zu beraten. Die Mitglieder sind nicht gewählt, sondern von ihm ernannt, so dass der Verdacht naheliegt, Schröder wolle sich ein moralisches Deckmäntelchen verpassen, um seine angestrebt Aushöhlung des Embryonenschutzes voranzutreiben.
Präimplantationsdiagnostik (PID) - Verfahren zur genetischen Analyse von Embryos, die im Reagenzglas gezeugt wurden. Dadurch sollen bei einer künstlichen Befruchtung erbkranke Embryos erkannt, und dann gar nicht erst in die Gebärmutter eingepflanzt werden. Die besondere Brisanz des Verfahrens liegt in der Tatsache, dass gar nicht genau definiert ist, was eine Erbkrankheit ist. Es wird möglich, fünfzig oder hundert Embryonen auf Probe im Reagenzglas zu zeugen und nur den genetisch perfektesten überleben (d.h. in die Gebärmutter einpflanzen) zu lassen.
Pränataldiagnostik - Genetische Untersuchung des Embryos während der Schwangerschaft, um Erbkrankheiten festzustellen. Da diese Krankheiten ja nicht behandelt werden können, scheint für alle Beteiligten die Abtreibung des kranken Embryos die normale Lösung zu sein. Das geht soweit, dass Eltern, die diesen Test nicht machen lassen, schief angesehen werden, und man ihnen im Falle der Geburt eines behinderten Kindes sogar Vorwürfe macht. Es ist sehr wichtig, sich immer wieder klar zu machen, dass Gesundheit hier nicht durch die Heilung von Krankheiten erreicht wird, sondern durch die Tötung der Kranken:
Psychosomatische Krankheiten - Krankheiten, bei denen sich in körperlichen Symptomen und Krankheitsbildern ein seelisches Problem offenbart. Laut Schätzung der Krankenkassen sind ca. 80 Prozent aller Erkrankungen psychosomatisch. Die drastische Zunahme von Allergien, Angstneurosen, unbestimmten Schmerzleiden etc. macht deutlich, dass es unser Lebensstil in der industriellen Mediengesellschaft ist, der die meisten Krankheiten verursacht. Es stellt sich also die Frage, ob die Gentechnik, die ja nichts weiter ist als eine technologisch hochgezüchtete Ersatzteilmedizin, überhaupt in der Lage ist, die wirklichen medizinischen Probleme zu bewältigen oder zu mindestens wahrzunehmen. Die allermeisten Wissenschaftler im Bereich der Humangenetik stellen sich den Menschen als eine komplizierte Maschine vor, der durch seine Gene definiert wird, und in den man problemlos Ersatzorgane einplanzen kann. Diese Sicht schiebt die Erkenntnisse der Psychologie einfach beiseite und entspricht im Grunde dem Menschenbild des19. Jahrhunderts.
Singer, Peter - Australischer Wissenschaftler. Vordenker derjenigen, die behinderten Menschen die Menschenwürde absprechen und eine Verbesserung der menschlichen Rasse durch Selektion und Genmanipulation befürworten. Obwohl er Hitlers Rassenhygiene offen gutheißt, hat er auch Anhänger unter Menschen, die sich selber als “progressiv” einstufen.
Spätabtreibungen - Die mit Abstand schlimmste Regelung in der derzeitigen Fassung des §218, nach der behinderte Embryonen bis zum 9. Monat, d.h. bis unmittelbar vor der Geburt, abgetrieben werden können. Das bedeutet, dass Kinder, die schon längst lebensfähig sind, um deren Leben man kämpfen würde, wenn sie schon geboren wären, in der Gebärmutter noch getötet werden dürfen.
Stammzellen, embryonale und adulte - Zellen, aus denen sich viele Arten von menschlichen Zellen entwickeln können (pluripotente Zellen). Sie werden zu Forschungszwecken benötigt. Die “embryonalen Stammzellen” kommen im Embryo nach dem Achtzellstadium vor. Vorher, d.h. bis zum Achtzellstadium sind die Zellen “totipotent”, es kann sich also aus jeder Zelle wieder ein neuer Embryo entwickeln. Es gibt aber auch “adulte Stammzellen”, die sich in manchen Regionen des erwachsenen Manschen finden. Diese sind wie die embryonalen Stammzellen pluripotent.
Therapeutisches Klonen - Entgegen der Wortbedeutung hat das therapeutische Klonen mit dem Therapieren von Krankheiten nichts zu tun. Es geht hierbei einerseits darum, aus Embryonen im Achtzellstadium weitere Embryonen für Forschungszwecke herzustellen. Andererseits versucht man, auf diesem Wege des Problem der Abstoßung körperfremder Gewebe in den Griff zu bekommen: die Wissenschaftler möchten demnach in Zukunft vom Patienten einen Klon, also einen künstlichen Zwilling, erzeugen, aus dem man dann Ersatzgewebe für den betreffenden Patienten herstellen würde. Man muss sich dabei aber klar machen, dass auch ein geklonter Embryo ein Mensch mit eigener Menschenwürde ist. Das Problem der Abstoßung körperfremden Gewebes könnte auch gelöst werden, indem man adulte Stammzellen, die sich im Körper Erwachsener Menschen finden, zur Erzeugung von Ersatzgeweben heranzieht.
Totipotente Zellen - Zellen, aus denen sich alle Formen menschlicher Zellen durch Teilung entwickeln können. Sie kommen im Embryo bis zum Achtzellstadium und (mit Einschränkungen) in manchen erwachsenen Organen vor.
Matthias Petzold (Januar 2002)
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